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Zyklus-Apps: Zur Verhütung geeignet?

Potenzial, Grenzen und ob die heutigen Apps wirklich zur Verhütung geeignet sind

Zyklus-Apps werden in der gynäkologischen Fachpresse gerade heiß diskutiert. Die Empfehlung dort lautet: Keine einzige Zyklus-App ist derzeit zur Verhütung geeignet. In diesem Artikel geht es um unterschiedliche Kategorien von Zyklus-Apps, deren Vor- und Nachteile, deren Potenzial für die Zukunft und wie man schon jetzt mit Hilfe mancher Zyklus-Apps sicher verhüten kann.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einer Präsentation über Zyklus-Apps, die ich vor 25 Gynäkologen am 18. Januar 2017 gehalten habe. Wenn Sie selbst mit Zyklus-Apps verhüten wollen, finden Sie hier einen leichteren Einstieg: Hormonfrei verhüten mit der symptothermalen Methode.

Zyklus-App ist nicht gleich Zyklus-App

Alle Zyklus-Apps haben eine Eingabemaske für Körpersymptome und ein Rechenmodell, womit die App die eingegebenen Symptome auf eine mehr oder weniger schlaue Art verarbeitet. Anschließend spuckt die App eine Zyklus-Ansicht aus. Das ist wie bei einer Landkarte: Manche Apps zeigen nur einen groben Überblick über den Zyklus, andere gehen ins Detail.

Update 25.06.2018: Vor Kurzem erschien eine Kurz-Studie, die Zyklus-Apps untersucht hat und die Tauglichkeit verschiedener Apps verglichen hat: Plausibility of Menstrual Cycle Apps Claiming to Support Conception, Alexander Freis, Tanja Freundl-Schütt, Lisa-Maria Wallwiener, Sigfried Baur, Thomas Strowitzki, Günter Freundl, and Petra Frank-Herrmann, Link zur Studie.

„As a result of the physiological variations of the menstrual cycle length and ovulation day, the fertile window cannot be predicted easily, and it has to be determined during the ongoing cycle. Therefore, to help couples wishing to conceive, apps based on data from previous cycles alone are not suitable to indicate the most fertile days.“

„A deviation of a few days may lead the couple to focus on less- or non-fertile days for sexual intercourse and thus may be worse than random intercourse.“

Kalender-basierte Zyklus-Apps

Die einfachsten Zyklus-Apps sind nichts anderes als digitale Menstruationskalender. Diese fragen lediglich nach dem Beginn der Periode, berechnen den Eisprung über unzulängliche Faustformeln wie 1. Blutungstag + 14 und repräsentieren den weiblichen Zyklus als Kalender. Der Nutzen solcher Apps ist begrenzt. Sie eignen sich für einfache Selbstdiagnosen und geben Aufschluss darüber, wie regelmäßig die Zyklen einer Frau sind und wie hoch die Schwankungsbreite ist.

Verteilung der Follikelphasenlänge bei 9.075 Zyklen. Quelle: Natürliche Familienplanung Heute (Springer Verlag), 4. Auflage, S. 136
Verteilung der Follikelphasenlänge bei 9.075 Zyklen. Quelle: Natürliche Familienplanung Heute (Springer Verlag), 4. Auflage, S. 136

Zur Verhütung eignen sich solche Kalender-basierten Apps nicht und selbst zum Schwangerwerden liegen diese Apps mit ihren simplen Eisprungrechnern oft daneben, weil der Zeitpunkt der Ovulation nicht nur von Frau zu Frau, sondern auch von Zyklus zu Zyklus schwankt und nicht zuverlässig berechnet werden kann.

Zyklusblatt-basierte Apps

Spezialisierte Zyklus-Apps zeigen, in welchem Zusammenhang Körpersymptome zueinander stehen: Temperaturverlauf, Zervixschleim, Veränderungen des Gebärmutterhalses, Blutungsbeginn, -stärke und -dauer, Brustschmerzen, Mittelschmerz, Stimmung, Libido und weitere.

Digitales Zyklusblatt. Quelle: myNFP
Digitales Zyklusblatt. Quelle: myNFP

Diese Apps rechnen nur wenig, sondern versuchen stattdessen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Zyklusphasen nach dem Regelwerk der symptothermalen Methode, der Temperaturmethode oder anderen Methoden der Natürlichen Familienplanung zu ermitteln.

Zyklusblatt-basierte Apps gelten nicht als eigenes Verhütungsmittel, können aber Frauen darin unterstützen, eine natürliche Verhütungsmethode zu erlernen und anzuwenden.

Dabei kommt es darauf an, wie diese App aufgebaut ist und welche Methode sie abbilden soll: Eine Zyklus-App, die nach der Temperaturmethode vorgeht und keine manuelle Auswertung durch die Anwenderin zulässt, ist deutlich weniger zur Verhütung geeignet als eine App, die auf der symptothermalen Methode basiert und die Nutzerin dazu zwingt, sich mit den Methodenregeln zu befassen und ihren Zyklus selbst auszuwerten. Letzteres ist die digitale Version eines Zyklusblatts auf Papier: Sie soll der Nutzerin nicht das Denken abnehmen, sondern in erster Linie unterstützend wirken.

Update 20.02.2018: Zum gleichen Ergebnis kam auch Stiftung Warentest in der Ausgabe 12/2017. Getestet wurden 23 Zyklus-Apps, von denen die Mehrheit mit der Note 5 (MANGELHAFT) abschnitten. Nur drei Apps wurden mit GUT bewertet. Über diese schreibt Stiftung Warentest:

„Die guten Apps im Test funktionieren anders: [sie] nutzen die sympto-thermale Methode der Arbeitsgruppe NFP, kurz für Natürliche Familienplanung, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt.” Quelle: test, Ausgabe Dezember 2017, S. 95

Zyklus-Apps mit schlauen Algorithmen

Schlaue Algorithmen nutzen statistische Verfahren, um Zusammenhänge in Daten zu erkennen. Das kann man sich vorstellen wie eine riesige Excel-Tabelle: Die Anwenderin einer solchen Zyklus-App soll möglichst viele Symptome eintragen. Der Algorithmus untersucht die Daten auf Zusammenhänge und kommt dann zu ähnlichen Ergebnissen wie das, was man bereits jetzt über den weiblichen Zyklus weiß: Der Eisprung kündigt sich mit Veränderungen des Zervixschleims an und nach dem Eisprung steigt die Basaltemperatur.

Darüber hinaus ist es auch möglich, dass der Algorithmus ganz neue Korrelationen findet: Bei manchen Frauen besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt des Eisprungs, ihrer Stimmung und ihrem Sexualtrieb, der in Zahlen messbar ist. Statt nur die Temperatur und den Zervixschleim zu analysieren, werden weitere Symptome in die Auswertung mit einbezogen.

All diese Berechnungen verstecken schlaue Zyklus-Apps vor der Anwenderin. Im Idealfall zeigt eine solche App ganz einfach nur noch wie bei einer Ampel: heute fruchtbar (rot) oder heute unfruchtbar (grün).

Aus Anwendersicht ist eine einfache und zugleich sichere Handlungsempfehlung durchaus wünschenswert. Leider sind wir noch nicht soweit, dass sich schlaue Apps zur Verhütung nutzen lassen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Die Anwenderin ist immer noch zu mindestens 50% beteiligt. Der schlauste Algorithmus der Welt produziert fehlerhafte Ergebnisse, wenn die eingegebenen Daten unsinnig sind.
  • Ein globales statistisches Modell ist nicht anwendbar auf alle Frauen. Dafür sind Frauen und ihre Zyklen zu unterschiedlich. Zum Vergleich: Bei der symptothermalen Methode können Mittelschmerz, Brustsymptom und Eisprungblutung als sekundäre Fruchtbarkeitssymptome beobachtet werden. In der Zyklusauswertung spielen sie jedoch keine Rolle, weil sie nicht bei jeder Frau gleich auftreten.
  • Ein für jede Frau individuelles Rechenmodell benötigt Daten, um überhaupt Aussagen über die Fruchtbarkeit treffen zu können. Aber welche Frau möchte erstmal 20 Zyklen sammeln, bevor sie sich auf die Auswertung eines auf sie zugeschnittenen Rechenmodells verlassen kann?

Potenzial von Zyklus-Apps

Wie könnte man einen schlauen Algorithmus in Zukunft dazu bringen, keinen Unsinn mehr auszuspucken? Dafür gibt es drei Möglichkeiten.

Hardware im Körper

Die Nutzerin der App wird als potenzielle Fehlerquelle rausgenommen. Ein Sensor wird unter die Haut gepflanzt (denkbar wäre auch ein Vaginalring mit Sensoren) und überwacht den Körper 24/7 auf Fruchtbarkeitsindikatoren. Der Sensor übermittelt die Daten automatisch an die App und schlaue Algorithmen berechnen anhand dieser Daten, ob die Frau fruchtbar oder unfruchtbar ist.

Erste Versuche gibt es mit einem Temperatursensor, der in die Scheide geschoben wird. Wünschenswert wäre, wenn weitere Symptome überwacht werden würden. Es gibt jedoch noch keine unabhängigen Studienergebnisse über dessen Wirksamkeit zur Verhütung.

Eindeutige Fruchtbarkeitssignale

Statt den Körper dauerhaft zu überwachen, wäre auch denkbar, ein Messgerät zu haben, das einmal pro Tag verwendet wird und mit großer Zuverlässigkeit auf die Fruchtbarkeit des Tages schließt.

Zykluscomputer wie Persona gehen diesen Weg mit LH-Tests. Mit einem Teststreifen wird die LH-Konzentration im Urin gemessen. Diese Information soll zusammen mit einem statistischen Modell den Eisprung ermitteln. In der Praxis sind LH-Tests jedoch unzuverlässig, weshalb es keinen LH-Test-basierten Zykluscomputer gibt, der einen guten Pearl-Index erzielt.

Ein Frauenarzt kann schon jetzt mit Hilfe eines Ultraschalls den Eisprung erkennen. Ein Bluttest liefert ebenfalls sehr zuverlässige Ergebnisse. Diese Möglichkeiten sind für die Anwenderin zu Hause noch nicht anwendbar, aber vielleicht ergeben sich in Zukunft neue Sensoren, um einfach, schnell und zuverlässig auf die Fruchtbarkeit zu schließen.

Mehr über den eigenen Zyklus lernen

Die dritte Möglichkeit, um das Potenzial von schlauen Zyklus-Apps besser zu nutzen, lautet Weiterbildung. Anstatt die Anwenderin aus der Gleichung auszuschließen, erklärt man ihr, wie sie ihre Fruchtbarkeit mit einfachen Mitteln wie Beobachtung des Zervixschleims und Messen der Basaltemperatur erkennt.

Der Vorteil: Das ist schon heute machbar. Der Nachteil: Die Anwenderin muss sich zwangsläufig näher mit dem Zyklusgeschehen und dem eigenen Körper befassen.

Vermutlich müssen für die perfekte Zyklus-App alle drei Lösungen kombiniert werden:

  • Ein kleiner Sensor überwacht den Körper der Frau kontinuierlich. Im Idealfall ist dieser leicht zu entfernen wie ein Pflaster.
  • Ein Gerät ermittelt einmal pro Tag zuverlässig den Fruchtbarkeitsstatus.
  • Die Anwenderin weiß genug über ihren Zyklus und kann ihre eigenen Fruchtbarkeitssymptome deuten.

Was funktioniert heute schon?

Zyklus-Apps sind derzeit technische Hilfsmittel zur Unterstützung der Nutzerin und keine eigenständigen Verhütungsmethoden. Es gibt keine App und keinen Zykluscomputer, die der Anwenderin vollständig das Denken abnehmen und gleichzeitig zuverlässig sind.

Je mehr eine App versucht, das Rechenmodell vor der Anwenderin hinter einer simplen fruchtbar/unfruchtbar Anzeige zu verstecken, desto unsicherer ist sie.

Die Frage nach einer sicheren Verhütungs-App muss also immer auch eine Frage nach der Sicherheit von natürlicher Verhütung allgemein sein. Unterm Strich kann man sagen:

Zur sicheren Verhütung geeignet ist keine einzige Zyklus-App. Wenn eine Frau jedoch mit Hilfe der symptothermalen Methode (Regelwerk von Sensiplan) ihren Zyklus eigenständig auswerten kann, dann kann sie auch eine Zyklusblatt-basierte App verwenden statt einer Zykluskurve auf Papier.

Sensiplan-Buch: Natürlich und Sicher
Sensiplan-Buch: Natürlich und Sicher

Es liegt in der Natur der Sache, dass Zyklusblatt-basierte Apps deutlich weniger verbreitet sind als jene, die suggerieren, dass es mit der Eingabe von ein paar Körpersymptomen getan ist und die App dann den Rest erledigt. Die Anwenderin benötigt schließlich Expertise, um die unfruchtbaren Phasen in ihrem Zyklus erkennen zu können.

Empfehlung für Frauenärzte

Auf der einen Seite ist die symptothermale Methode nicht für jede Frau geeignet und es ist ein stückweit Aufgabe des Arztes, die Patientin richtig einzuschätzen. Auf der anderen Seite gehört zu einer ausgewogenen Aufklärung nunmal, dass sämtliche Alternativen erwähnt werden und die Patientin selbst entscheiden kann, was das Beste für sie ist. Diesen Drahtseilakt zu bewältigen kann schwierig sein.

Wenn ein Frauenarzt die symptothermale Methode als hormonfreie Alternative zur Pille nicht einmal erwähnt, wird die Patientin dennoch früher oder später darauf stoßen – sei es durch Freunde oder über das Internet. Frauenärzte, die die symptothermale Methode zu Unrecht als unsicher abstempeln oder sie vollständig verschweigen, büßen Vertrauen ein und riskieren, dass sich die Patientin nach einem anderen Arzt umsieht.

Erfahrungsgemäß ist die symptothermale Methode selbstselektiv. Die meisten Anwenderinnen merken schon beim Lesen des Regelwerks, ob die Methode für sie geeignet ist oder nicht.

NFP-Sprechstunde

Aus Zeitgründen kann es nicht die Aufgabe des Frauenarztes sein, Sensiplan bis ins Detail zu erklären. Einige Frauenärzte haben deshalb in ihrer Praxis eine NFP-Sprechstunde eingerichtet. Eine ausgebildete NFP-Beraterin kommt regelmäßig in die Praxis, beantwortet Fragen zu Zyklusblättern und bietet Beratungen und Kurse an.

Die Malteser, die die Rechte an der Marke Sensiplan haben, bilden NFP-Beraterinnen in ganz Deutschland aus und pflegen ein Beraterinnen-Netzwerk, auf das Frauenärzte zurückgreifen können.

Prognose: Hormonfreie Verhütung ist ein wachsender Trend

Eines ist unausweichlich: Die Nachfrage nach hormonfreier Verhütung wird weiterhin zunehmen. Hormonelle Verhütung ist eine Sackgasse und immer weniger Frauen haben Lust, sich im Hormonsystem rumpfuschen zu lassen. Nicht unbedingt wegen starker Nebenwirkungen, sondern wegen der vielen kleinen Lästigkeiten, die die Pille mit sich bringt.

In 20-30 Jahren werden wir vielleicht ganz anders verhüten und primär beim Mann ansetzen. Die Grundlagen dafür sind da, sie müssen nur noch besser erforscht und umgesetzt werden.

Bis dahin ist die symptothermale Methode eine sichere hormonfreie Alternative zur Pille. Sie ist keineswegs für jede Frau geeignet, aber die meisten Frauen finden ganz schnell selbst heraus, ob sie etwas mit der Methode anfangen können oder nicht und manche stellen nach 10 Jahren Pille überrascht fest, mit welch einfachen Mitteln sie ihre Fruchtbarkeit bestimmen können.

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Über myNFP: myNFP ist eine Software und Zyklus-App, die Frauen darin unterstützt, ihre Zyklen nach dem Sensiplan-Regelwerk auszuwerten. Die Software existiert seit 2006 und wurde von über 100.000 Frauen verwendet.

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