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Lustlosigkeit in der zweiten Zyklushälfte – nicht nur ein hormonelles Problem

Was Sie für mehr Lust nach dem Eisprung tun können

Dies ist ein Gastartikel von Claudia E. Huber, Sexualcoach für Frauen

Welche Frau, die hormonfrei verhütet, kennt das nicht? In der ersten Zyklushälfte und um den Eisprung herum ist es fast kein Aufwand, Lust zu bekommen. Wenn jedoch der Eisprung und die Wirkung der Hormone nachlässt und das Progesteron ansteigt, kann es schwierig werden, sich für Sex zu begeistern. Dabei ist das die Zeit schlechthin für hemmungslose Liebesnächte ohne Schwangerschaftsrisiko.

Alles nur Hormonsache?

Es stimmt, dass der Progesteronanstieg mit verantwortlich für die niedrigere Libido ist. Wer also hormonfrei verhütet, spürt den Wechsel des Hormoncocktails deutlich. Wer die zweite Zyklushälfte sexuell trotzdem nutzen möchte, hat durchaus gute Chancen, etwas daran zu ändern – ganz hormonfrei.

Schließlich ist Lust nicht nur hormonell gesteuert. Ansonsten wären Frauen nach der Menopause nicht mehr in der Lage Lust aufzubauen. Und das Phänomen, dass ein guter Teil aller Frauen direkt vor der Menstruation eine Lustwelle ergreift, wäre damit auch nicht zu erklären. Daher hier die gute Nachricht: Auch Frauen sind – was die Lust betrifft – nicht hilflos ihren Hormonen ausgeliefert.

Wer Lust haben möchte, kann sich Lust bereiten

Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass Lust einen aus dem Nichts überfällt oder ganz ausbleibt. In engerem Sinne erleben wir das jedoch so in unserem Alltag, da wir uns in unserem Kulturkreis wenig mit der Lustpflege beschäftigen. Damit lassen wir jedoch ein großes Feld unserer Lust brachliegen.

Womit können Sie Ihre Lust pflegen?

Nichts blockiert die weibliche Lust so sehr wie Stress. Dabei ist es egal, was die Stressquelle ist: ein straffer Zeitplan, eine gefühlte Überforderung, unachtsame Kommunikation in der Beziehung oder ein schlechtes zwischenmenschliches Klima im Kollegium, das Gefühl, immer für andere da sein zu müssen oder was auch immer zu Stress führen kann. Um Lust entstehen lassen zu können, braucht es daher Raum für Muse und Zeit für sich. Schaffen Sie sich Lücken in Ihrem Kalender und sorgen Sie dafür, dass Sie Zeit für sich und für die Partnerschaft einräumen. Sorgen Sie für Ausgleich in Ihrem Leben.

Aktiv werden

Um Ihnen die Natur der Lust noch näher zu bringen, möchte ich Ihnen einen bildlichen Vergleich anbieten. Die weibliche Lust verhält sich wie Wasser in einem Topf: wenn der Herd aus ist, dann ist das Wasser kalt und es benötigt unglaublich viel Energie, das Wasser zum Kochen zu bringen. Ist das Wasser jedoch lauwarm, benötigt es kaum Aufwand, bis es sprudelt. Das heißt, es ist vor allem für die zweite Zyklushälfte sinnvoll, die eigene Lust täglich anzufachen. Dabei muss es nicht immer in Sex münden. Wichtig ist, dass Sie aktiv werden.

Alltagserotik

Ich biete Ihnen noch ein zweites Bild an: Lust ist wie ein Muskel. Je häufiger wir ihn trainieren, desto stärker wird er. Auch ohne Hormonkick. Vielleicht geht es Ihnen ebenso wir einer Klientin von mir, die gestern bei mir war. Sie meinte, sie würde sich nicht selbstbefriedigen, wenn sie Lust habe, auch wenn sie Zeit hätte. Sie würde versuchen, Ihre Lust aufzusparen.

Sie hatte jedoch bemerkt, dass das nicht klappt. Denn Lust lässt sich nicht aufsparen. Sie ist nicht wie ein Konto, auf das man einzahlt. Wer mehr Lust möchte, muss investieren.

Das können Sie auf der körperlichen Ebene und auf der Fantasieebene tun.

Finden Sie heraus, was Ihnen in der zweiten Zyklushälfte Spaß macht

Mit den Hormonen verändern sich auch viele andere Dinge im weiblichen Körper und in der Gedankenwelt. Daher ist es bei vielen Frauen so, dass sie in der ersten Zyklushälfte andere sexuelle Anreize wünschen und Vorlieben haben als in der zweiten Hälfte.

Deshalb lohnt es sich, herauszufinden, was Sie in der zweiten Zyklushälfte anmachen würde. Folgende Vorlieben können sich ändern:

  • Stellungen
  • Tempo
  • Berührungsqualität (mit der ganzen Hand, mit einzelnen Fingern, usw.)
  • Berührungsintensität
  • Stellen, an denen Sie berührt werden möchten
  • Vorlieben für Spielzeug
  • Intensität
  • Nähebedürfnis
  • Spielarten

Es können sich auch weitere Faktoren verändern. Beobachten Sie das über ein paar Zyklen aufmerksam, dann werden Sie herausfinden, was Sie lieber möchten. Dazu eignet sich ein kleines Tagebuch oder Sie ergänzen Ihre Beobachtungen des Zyklus um eine Spalte, die Ihre Erotik und Lust betrifft.

Ein Hinweis kann Ihnen dabei auch Ihre Fantasiewelt geben. Auch die verändern sich im Verlauf des Zyklus bei einigen Frauen sehr deutlich.

Tricks, um die Lust immer leicht aufrecht zu halten

Um Ihr Lustwasser – wie oben im Vergleich beschrieben – immer lauwarm zu halten, kann es hilfreich sein, wenn Sie Erotik und Lust in Ihren Alltag integrieren. Das kann unauffällig geschehen und macht auch noch nebenbei gute Laune. Beispielsweise können Sie immer wieder während des Tages die letzte schöne Liebesnacht in Erinnerung rufen. Was war schön? Was war lustvoll? Wie hat sich die Berührung Ihres Partners angefühlt? Der Trick dabei ist es, sich auch für Sekunden in die Situation hinein zu FÜHLEN. Denn über das Nachfühlen festigen sich die Erlebnisse in ihrem Gehirn und die körperlichen Empfindungen lassen sich einfacher wieder abrufen.

Das verhält sich ähnlich wie das Lernen einer Fremdsprache: Je häufiger und intensiver wir uns mit einer neuen Sprache vertraut machen, desto schneller lernen wir sie und desto leichter haben wir Zugang. Apropos Zugang: Wenn Sie leicht Zugang zu Ihren erotischen Fantasien haben, können Sie sich auch im Alltag immer wieder diesen hingeben. Zum Beispiel auf der Heimfahrt in der Bahn oder beim Geschirr spülen. Das bekommt keiner mit, Sie brauchen Ihre Tätigkeiten nicht unterbrechen und trainieren Ihre erotische Lust ganz nebenbei.

Den Körper bewusst erotisch aktivieren

Eine weitere Möglichkeit die Lust in den Alltag einzubauen, ist es, wenn Sie Ihren Körper bewusst erotisch aktivieren. Das kann zum Beispiel über Berührungen stattfinden, die Sie normalerweise erotisch empfinden. Manche Frauen streicheln ihre Lippen immer wieder oder streicheln sich die Unterarme, um sich leicht zu erotisieren.

Eine andere körperliche Aktivierung kann sogar Ihrer Gesundheit dienen und fördert die Lust- und Orgasmusfähigkeit enorm: Aktivieren Sie im Laufe des Tages immer wieder Ihren Beckenbodenmuskel. Spannen Sie ihn dazu ein paar Mal an und entspannen Sie ihn danach bewusst. Lassen Sie ihn pulsieren, indem Sie das An- und Entspannen beschleunigen. Spannen Sie ihn auch einmal stark an und lassen Sie ihn dann bewusst mit einem Einatmen locker.

Das Spiel mit der Beckenbodenmuskulatur funktioniert besonders gut, wenn Sie Ihren Beckenboden beim Sex auch einsetzen. Das Charmante an dieser Methode ist, dass es keiner mitbekommt und Sie weiterhin auf Ihre Umgebung konzentriert bleiben können. Langweilige Meetings können Sie jedoch damit ein wenig aufpeppen.

Initiative ergreifen

Zum aktiv werden gehört auch, dass Sie immer wieder selbst die Initiative ergreifen, wenn es um Lust und Leidenschaft in der Beziehung geht.

Viele Frauen berichten mir, dass es für sie sehr anstrengend ist, die Lust ihrer Partner zu befriedigen. Denn diese scheinen so viel mehr Sex zu wollen als sie selbst. Einige davon berichten mir, dass sie sich in die Enge gedrängt fühlen. Auch das bedeutet Stress für das Gehirn.

In solchen Fällen lasse ich die Frauen ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn sie öfter die Initiative ergreifen und zuerst ihren Partner verführen. Das hat zur Folge, dass sie sich weniger in die Enge gedrängt fühlen und selbst bestimmen können, wie das Liebesspiel beginnt.

Oft kommt dann die Frage: „Ja, wann soll ich das denn machen. Ich hab doch keine Lust?“ Darauf antworte ich meist: „Immer dann, wenn es möglich ist. Vor allem, wenn Sie sowieso neben Ihrem Partner auf dem Sofa liegen und sich die dritte Wiederholung Ihrer Lieblingsserie ansehen.“

Verführen lassen

Damit komme ich auch schon zum Punkt, sich verführen zu lassen. Denn Initiative und Verführung liegen nahe beieinander. Manchmal kommt der Appetit erst beim Essen. So ist das auch oft mit der Lust.

Es gibt Unterschiede, wenn es um Unlust geht. An manchen Tagen will man einfach wirklich nicht, dann ist das absolut berechtigt und okay, nein zu sagen. Es gibt jedoch auch Tage, an denen man sich nur ein wenig mehr auf das Werben des Partners einlassen könnte, um dann doch Lust zu bekommen. Diesen feinen Unterschied spüren Sie, wenn Sie genau darauf achten. Stecken Sie schon lange in der Unlustspirale, benötigt es dafür ein bisschen Übung.

Prioritäten setzen

Nun haben Sie einige Anregungen, die Sie ausprobieren können, um sich auch in der zweiten Zyklushälfte für sinnliche Zweisamkeit zu begeistern. Diese Tipps helfen natürlich nur, wenn Sie auch bereit dafür sind, sie umzusetzen. Denn Lust kommt nicht von alleine. Lust kommt durch das Tun.

Wenn Sie sich jetzt Gedanken machen, wann Sie das alles in Ihrem Alltag unterbringen sollen, dann stellen Sie sich lieber die Frage, welchen Stellenwert für Sie Ihr Liebesleben hat. Auch wenn einige der Anregungen im Alltag nebenbei eingebaut werden können, werden davon die Zeitfenster für Sinnlichkeit nicht größer.

Es stimmt, dass Lust und Sexualität Zeit benötigen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Wer jedoch Lust haben möchte, der möchte sich auch dafür Zeit nehmen.

Selbstverständlich ist das jeder Frau selbst überlassen, wie sie mit ihrer Lust umgeht. Schließlich haben Lust und Sexualität für jeden einen sehr individuellen Stellenwert. Doch es lohnt sich, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich in sinnliche Lustübungen zu stürzen. Irgendwann wird es dann auch leichter, denn was oft trainiert und wiederholt wird, wird vom Gehirn schneller und leichter wieder abgerufen.

Wäre doch schön, wenn es auch in der zweiten Zyklushälfe so leicht wäre wie mit den Hormonen um den Eisprung.

Viel Spaß und Lust beim Üben.

Über die Autorin

Claudia Elizabeth Huber arbeitet als Sexualcoach in Stuttgart und Umgebung. Sie schreibt über lustvolle Sexualität in ihrem Blog unter claudia-elizabeth-huber.de

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